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Als Antwort
auf die „Kranzniederlegung“ fand am 15. Mai 2004 auf dem Marktplatz in
Himmelpforten die Kundgebung „Himmelpforten hat wache Bürger“ unter
großer Beteiligung der Bevölkerung statt. Die Verantwortlichen für diese
Veranstaltung zeigten sich aufgrund der ca. 600 teilnehmenden Zuhörer
angenehm überrascht, hatte man doch auf diesem Gebiet keinerlei
Erfahrungen. Die auch im Vorfeld sehr kontrovers geführten Diskussionen,
ob man diese Veranstaltung durchführen oder einfach weggucken soll; wer
sollte zu dieser Veranstaltung aufrufen und wer unterstützen, trugen mit
zu dieser Unsicherheit bei.
Uns war schon von
Beginn an klar, dass eine Reaktion einfach zwingend geboten sei. Es kann
nicht sein, dass man Kinder, Jugendliche und Erwachsene zur Zivilcourage
auffordert und beim Vorliegen einer solchen Problemstellung sich seiner
demokratischen Verantwortung entzieht.
Die Vielzahl der
Teilnehmer und die in der Bevölkerung geführten Diskussionen haben uns
Recht gegeben, die Entscheidung war einfach richtig und man hat sie auch
so von uns erwartet.
Die Veranstaltung
war geprägt durch einen ruhigen und besonnenen Ablauf, jeder hatte das
Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, die Lieder des Chores
„Eintracht“, die Vorträge der Schüler der Porta-Coeli-Schule und die
beiden Ansprachen von Pastor Garve und unserem Bürgermeister Lothar
Wille waren aufeinander abgestimmt und entfalteten voll ihre Wirkung auf
die Zuhörer. Jeder Teilnehmer hatte das Gefühl, für unsere Demokratie
eine gute Entscheidung getroffen zu haben.
Auch der Polizei
sei hier ein herzliches „Dankeschön“ gesagt, denn von vielen Seiten
hörte man übereinstimmend, dass hier besonnene und qualifizierte
Polizeibeamte im Einsatz waren, die mit viel Freundlichkeit und
bestimmtem Auftreten überzeugt haben.
Wir müssen den
Jüngeren helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung
wach zu halten. Ohne Überheblichkeit und nüchtern sich zur
geschichtlichen Wahrheit bekennen, ohne die Flucht in utopische
Heilslehren anzutreten.
Wir lernen
aus unserer Geschichte, wozu der Mensch fähig ist.
Deshalb
dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien als Menschen besser geworden.
Es gibt keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit -für
niemanden und kein Land !
Wir
haben als Mensch gelernt, wir bleiben als Mensch gefährdet. Aber wir
haben die Kraft,
Gefährdungen
immer von neuem zu überwinden.
Die Bitte
lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass !
Lernen
Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander !
Lassen Sie auch
uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und
ein Beispiel geben !
Ehren
wir die Freiheit und den Frieden !
Burkhard Bönnighausen
Nachstehend die
gehaltene Rede unseres Bürgermeisters vom Veranstaltungstag:
Rede
15. Mai
Liebe Himmelpfortenerinnen, liebe Himmelpfortener
Ich bedanke mich hier heute für Ihr Kommen. Ich bedanke mich bei der
Kirchengemeinde und bei Pastor Garve, beim Gemischten Chor Eintracht und
den mitwirkenden Schülern.
Zu unserer Kundgebung heute haben 30 Vereine und Verbände in
Himmelpforten aufgerufen. Wir sagen damit:
Wir wollen in Frieden leben. Wir wollen in Freiheit leben.
Wir wollen uns nicht in einen schlechten Ruf durch die Rechtsradikalen
bringen lassen.
Wir wollen zeigen, dass Himmelpforten nichts mit den neuen Nazis zu tun
hat.
Wir wollen zeigen: ,dass wir in Achtung miteinander umgehen wollen in
unserem lebens- und liebenswerten Himmelpforten.
Jedes Jahr versammeln wir uns zum Volkstrauertag, um an die Toten der
Weltkriege zu denken.
Der Gedenktag hilft - auch heute noch - vielen Familien der Toten, dem
Schmerz und der Trauer eine Zeit und einen Ort zu geben.
Am Himmelpfortenener Ehrenmal stehen 134 Namen von Toten aus dem 2.
Weltkrieg, alles Namen von Himmelpfortener Mitbürgern.
134 Namen , jeder Name steht für ein sehr persönliches Schicksal, für
das Leid der Mütter und Väter, für das Leid der Hinterbliebenen. 134
Namen , die uns besonders bedrücken. Diese Denkmäler für die toten
Soldaten stehen nicht nur in Deutschland. Sie stehen in Frankreich,
Italien, Polen , Russland, in der ganzen Welt.
Der 2. Weltkrieg- das bedeutet 60 Millionen Tote . Eine riesige, fast
nicht vorstellbare Zahl. Aber jeder dieser 60 Millionen Toten war ein
Einzelschicksal, zu dem es trauernde Angehörige gab und noch gibt. Für
jeden dieser Toten gab es Trauer und Tränen, jeder hatte Freunde und
Verwandte.
Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutet auch: 6 Millionen ermordete
Juden, die Sinti und Roma, die Homosexuellen, die Geisteskranken, und
alle anderen vom Nationalsozialismus systematisch verfolgten und
ermordeten Menschen. Verfolgt und ermordet, weil sie anders dachten,
weil sie eine andere politische Meinung hatten oder weil sie Mitglieder
anderer Parteien waren.
Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutet auch Leid und Elend der
Flüchtlinge und Vertriebenen, ein zerstörtes Land und Hunger und Elend
in den Nachkriegsjahren.
Nur: dieser Krieg war kein Versehen oder ein Naturereignis wie Gewitter
oder Hochwasser. Die Verfolgung und Ermordung der Juden war kein Zufall,
sondern wurde durch den abgrundtiefen Hass Hitlers gegen die jüdischen
Mitmenschen entwickelt. Hitler hat diesen Hass nicht verschwiegen,
sondern das ganze Volk zum Werkzeug dieses Hasses gemacht. Die
Verfolgung Andersdenkender war kein Zufall.
Nein: Die Politik war durchdacht, sie war gewollt, sie war das Ergebnis
einer Politik unter Adolf Hitler, die menschenverachtend war, bewusst
geplant, ausgeklügelt organisiert. Fremdenfeindlichkeit wurde durch
Propaganda erzeugt. Kriege gegen unsere Nachbarstaaten ideologisch
vorbereitet.
Viele unserer Mitmenschen in dieser Zeit hatten geglaubt für die gute
Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und es stellte sich
heraus: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte
den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient.
Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld oder
Unschuld ist persönlich. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen
schließt, wird blind für die Gegenwart. Wer die Vergangenheit nicht
sehen will und in die Fußstapfen der menschenverachtenden Ideologen von
gestern steigt, der ist schuldig. Der weiß, was passiert ist. Der ist
verantwortlich. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass sich hier heute
die Menschen versammelt haben, um unseren jungen Mitbürgern, die bei der
NPD ihre Heimat suchen, deutlich zu machen. Kehrt um, verlasst den Weg
von Gewalt und Intoleranz. Lasst euch nicht hineintreiben in
Feindschaft, Fremdenfeindlichkeit und Hass.
Die Zeiten haben sich gewandelt. Wir haben in den 59 Jahren, die seit
dem Krieg vergangen sind, vieles gelernt. Wir haben erfahren, was damals
passierte. Wir haben gelernt, eine demokratische Gesellschaft zu sein.
Wir haben Freunschaften zu anderen Ländern entwickelt. Wir haben in
Himmelpforten eine Partnerschaft mit der französischen Gemeinde Lorrez,
mit einer Gemeinde in Frankreich, dass vor 80 Jahren noch als größter
Feind der Deutschen Reiches galt. Wir haben uns international
weiterentwickelt. Wir reisen in das Ausland. Wir gehen in griechische
oder italienische Restaurants.
Allerdings: Es gibt in Himmelpforten eine Gruppe Rechtsradikaler und
Nationaldemokraten. Und wir müssen uns fragen, warum diese jungen Leute
nichts gelernt haben. Warum sie mit der gleichen Ideologie wie die NSDAP
ihre Politik verbreiten wollen. Nach außen stellen sie sich als
demokratische Organisation dar, die den Toten gedenken will. Aber warum
waren sie am Volkstrauertag nicht da, als alle der Toten gedachten.
Warum sind auf ihren Internetseiten Zuschriften so oft mit dem Kürzel 88
versehen. Der 8. Buchstabe im Alphabet ist das H, und die 88 ist in
diesen Kreisen der Gruß Heil Hitler.
Warum treten sie nach außen auf für Recht , Sauberkeit und Ordnung, und
bekleben in unseren Straßen die Laternenpfähle mit Aufklebern.
Warum tun sie so, als ob sie allen Gefallenen der Kriege aus allen
Ländern gedenken wollen und hören Musik, die zum Hass und Feindschaft
aufruft.
Warum tun sie so, als ob sie als Himmelpfortener demonstrieren, und
rufen über das Internet ihre Gesinnungsgenossen aus dem Umland auf, hier
her zukommen.
Der Verfassungsschutz hat diese Entwicklung beobachtet, Er sagt:
Provokative Aufmärsche in der Öffentlichkeit sind für das
Zusammengehörigkeitsgefühl und die politische Identität für die
Neo-Nazi-Scene von elementarer Bedeutung.
Diese Aufmärsche werden zentral organisiert. und es sind die rechten
Hintermänner, die hier die Strippen ziehen.
Geben wir unseren jungen Mitbürgern, die sich haben verführen lassen,
eine Chance. Stoßen wir sie nicht ab. Geben wir ihnen die Möglichkeiten
zur Umkehr.
Bei vielen ist die Nazi-Ideologie nicht verfestigt. Es mag ein Gefühl
von Protest, Verirrung, Provokation sein. Oft wird der Weg nicht aus
Überzeugung eingeschlagen, sondern um einen öffentlichen Tabubruch zu
begehen. Es ist ein klarer Verstoß gegen den Konsens in unserer
Gesellschaft, der heißt : Die Verurteilung menschenverachtende Diktatur
und die Entschlossenheit in einer demokratischen Gesellschaft zu leben.
Die Schrecken des Krieges, das Leid von Millionen von Opfern wollen und
dürfen wir nicht vergessen. Der Terror des Nationalsozialismus darf
nicht in Vergessenheit geraten.
Im Wissen um das Geschehene bauen wir an einer gemeinsamen Zukunft.
Einer Zukunft in der wir Partner, Nachbarn und Freunde sind- in einer
friedlichen und demokratischen Welt.
Wir stehen hier zusammen. Alle Vereine und Verbände. Jung und alt.
Männer und Frauen. Menschen unterschiedlicher politischer Meinungen. Wir
stehen hier für ein demokratisches Deutschland, für ein demokratisches
Himmelpforten, für Verständigung und Freundschaft.
Ehren wir die Freiheit.
Verteidigen wir die Demokratie.
Halten wir uns an das Recht und die Gerechtigkeit.
Arbeiten wir für ein friedliches Miteinander.
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